Ausstellung Flug in die Vergangenheit

Ein Blick von oben auf 7000 Jahre Geschichte (von DZ Julian Preuß - 07.09.2026)


Dr. Baoquan Song zeigt auf einem seiner Luftbilder die Fundamente ehemaliger Flakstellungen an der Gälkenheide in Dorsten. Die Fundamente zeichnen sich auf den Feldern ab.

Dr. Baoquan Song ist Archäologe und Pilot. Was paradox klingt, fördert Wichtiges zu Tage.Seine Dorstener Ausstellung ermöglicht einen Flug in die Vergangenheit.

Die beiden Strukturen, auf die Dr. Baoquan Song zeigt, sehen auf den ersten Blick aus wie seichte Schatten auf einem Feld: zwei Kreise, beide mit einer Öffnung. Sie heben sich in etwas dunklerem Grün von ihrer Umgebung ab. Doch das, was in Science-Fiction-Filmen oft Außerirdischen zugeschrieben wird, ist menschengemacht und von historischer Bedeutung. Das Foto zeigt eine Stellung von Flugabwehrkanonen (Flak) aus dem Zweiten Weltkrieg. Wobei: Vielmehr sind die Fundamente abgebildet, die sich noch im Boden befinden.

Aufgenommen hat Baoquan Song das Foto im Mai 2018. Und zwar aus einem Flugzeug heraus. Der 64-Jährige ist eigentlich Archäologe und lehrt an der Ruhr-Universität in Bochum. Verschrieben hat er sich der sogenannten Luftbildarchäologie. Was zunächst kurios anmutet, ist ein wichtiger Bestandteil archäologischer Forschung. Die Methode macht historische Stätten sichtbar, die unter der Erde liegen und für Menschen am Boden kaum wahrnehmbar sind.

So wie die Flak-Stellung an der Gälkenheide oder die mittelalterlichen Motten - also mittelalterliche Burgen, bestehend aus einem hölzernen Turm auf einem Hügel, geschützt durch Gräben und Wälle - nahe der Muna, bei Rhade oder in Schermbeck.

41 Schautafeln hängen
Zu sehen ist all das ab sofort bis zum 31. Oktober im Bildungszentrum Maria Lindenhof (dienstags bis freitags, 10 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 13 Uhr). Dort hängen 41 Schautafeln mit 39 Luftaufnahmen aus ganz NRW, die Baoquan Song im Laufe der Jahre anfertigte (Führung mit Termin nach Anmeldung unter info.luftbildarchäologie@web.de ).

Die Ausstellung sei in zweifacher Hinsicht eine Premiere, sagte Sabine Podlaha, Leiterin des Amtes für Schule und Weiterbildung, bei der offiziellen Eröffnung am Donnerstagabend (3.9.). Es sei die erste Ausstellung in Verantwortung des Stadtarchivs in Kooperation mit dem Verein für Orts- und Heimatkunde. „Und“, so die Amtsleiterin, „erstmals widmen wir uns der Archäologie“.

Baoquan Songs Arbeit ist in dieser Form nahezu einzigartig: Als Archäologe fliegt und fotografiert er in Personalunion. „Ich fliege seit 1996“, erzählt er mit einem Lächeln. Zunächst mit einer eigenen Cessna, später mit Maschinen, die zum Luftfahrtverein Essen gehören. Griffbereit liegt dann seine Nikon-Kamera mit dem 200-Millimeter-Zoomobjektiv.
Winkel ist ausschlaggebend

Während er das Flugzeug mithilfe der Fußpedale und des Seitenruders steuert, wartet er auf den perfekten Winkel. Darauf komme es an, sagt er. Nur so würden Bodenreliefs, also leichte Vertiefungen und Erhöhungen, sichtbar. Anders sei das zum Beispiel bei Satellitenbildern, die Landschaft meist senkrecht von oben aufnehmen. Dokumentiert habe der Archäologe auf diese Art und Weise bislang etwa 2.500 Fundstellen aus den unterschiedlichsten Epochen. Baoquan Song: „Ich schätze, ich habe über Dorsten zwischen 50 und 60 Fundstellen fotografiert, von der Vorgeschichte hinein bis in die jüngste Geschichte.“

Häufig bekomme der 64-Jährige die Frage nach seinem bedeutendsten Fund gestellt. Beantworten könne er diese Frage nicht. Jeder Fund sei ein Höhepunkt: „Das Gefühl ist unbeschreiblich, etwas Neues entdeckt zu haben. Stellen Sie sich vor: Man sitzt alleine im Flugzeug und sieht etwas längst Vergessenes als Erster.“
Getreide als Indikator

Doch warum werden jahrhundert-, vielleicht jahrtausendalte Strukturen aus der Luft sichtbar, obwohl sie unter der Erde liegen? Getreide sei ein guter Indikator. Baoquan Song erklärt dies am Beispiel der frühneuzeitlichen Siedlungsreste, die bis Oktober 2025 an der Klever Straße/Lembecker Straße in Rhade ausgegraben wurden.

Je nach Sorte könnten die Wurzeln des Getreides bis zu einem Meter tief in den Boden reichen. Vereinfacht gesagt: Stoßen die Wurzeln vorher auf Fundament- oder Mauerreste, könnten die Pflanzen in diesem Bereich weniger Wasser und Nährstoffe aufnehmen.

„Dementsprechend sind sie kürzer, reifen früher und werden schneller braun als das Getreide drumherum“, so Baoquan Song. Anders sei das bei Vertiefungen, zum Beispiel Gräben. Dann bekomme das Getreide mehr Nährstoffe und Wasser. Dementsprechend satter seien die Farben. Ähnlich funktioniere das mit Schnee.

All diese Faktoren sorgen dafür, dass mit der Luftbildarchäologie im wahrsten Sinne des Wortes ein Flug in die Vergangenheit möglich ist.

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